365 Tage


Ich sitze im Zug zurück nach Berlin. 

Ein spannender Tag liegt hinter mir. 


Vor einem Jahr bin ich dieselbe Strecke gefahren: Berlin - Bad Belzig und später zurück. 

Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass sich dieselbe Fahrt so unterschiedlich anfühlen kann.


365 Tage zurück:

Schmerzverzerrt sitze ich im Zug nach Bad Belzig. Ich bin auf dem Weg zu meiner Reha - 3 Wochen Rehabilitation, abseits im brandenburgischen Nirgendwo, kein Handy-Empfang, kein Internet, abgeschieden vom Berliner Alltag, von Freunden und Familie. Dafür umgeben von ländlicher Wald-Idylle, jeder Menge Mücken, Kneip-Becken und Leidensgenossen, die, sagen wir, ein paar Jahre oder Jahrzehnte mehr Lebenserfahrung haben als ich.


Für diejenigen, die wie ich zuvor noch nie etwas mit Reha-Aufenthalten zu tun hatten: eine Rehaklinik ist eine Welt für sich!


Der Stundenplan, den man jeweils für eine Woche ausgehändigt bekommt, bestimmt den ganzen Tag: Wann hat man welche Behandlung, mit wem teilt man sich einen Kurs, wieviele Termine werden einem pro Tag zugetraut, wann schafft man es zwischendurch zu essen... von 6.30 bis 16 Uhr kann man sich so ganz gut beschäftigen. Was aber macht man um Gottes Willen danach?

Ohne Internet, keine Möglichkeit zu telefonieren, umgeben von Patienten, die sich oft schon nach dem Aufstehen auf das Schlafengehen freuen, die auf Grund von Hüft- und Knieoperationen und meist auch -Prothesen deutlich bewegungseingeschränkter sind. 


Was macht man als einzige unter 30 jährige in einer orthopädischen Rehaklinik?


Die Optionen mich aufzuregen, dass ich nicht den Wunschplatz in der neuen innovativen Rehaklinik bekommen habe, hing ich ziemlich schnell an den Haken - war eh nicht zu ändern.  

Also akzeptierte ich, was nicht zu ändern war und stellte mich auf drei Wochen und viel Zeit zu lesen ein, schickte mir vorab Zeitschriften über Kulturmanagement und Sprachkurse zu, und packte Briefpapier ohne Ende ein - soviel Zeit ohne Ablenkung kann ja auch ein Geschenk sein. Und die Therapien und Behandlung würden ihr übriges tun um mich auszupowern.


Was mir nicht bewusst war - am Wochenende gibt es keine Behandlungen oder Therapien. Ich begann meinen Aufenthalt an einem Freitag. Meine ersten beiden Tage verbrachte ich also - zwangsläufig, Zeitschriften und Bücher lesend in der Sonne, auf dem Handtuch meine Übungen aus der Physio turnend - stets skeptisch beäugt von den anderen Leidensgenossen. 


Erst viel später wurde mir klar, dass mich viele für eine Besucherin hielten, die Tochter oder Enkelin einer Patienten - denn ich, auffällig jung für solch einen Ort, keine Stützen (verräterisch bei über 80% Knie- und Hüftpatienten), im Vergleich zu den meisten relativ fit auf den ersten Blick. Rückenschmerzen, taube Beine, Bandscheiben OP - das sieht man nicht auf den ersten Blick und im Vergleich zu den über 60 jährigem und älteren war meine leicht gebeugte Haltung geradezu aufrecht.


Das war eine meiner ersten Lektionen, die ich dort lernte. Das eigene Schicksal relativiert sich im Vergleich zu und mit anderen. Ich hatte nicht mit einer künstlichen Prothese zu kämpfen, hatte keine versteiften Wirbel, keine Amputation hinter mir. Meine Narbe ist erstaunlich gut verheilt, ich habe wunderbare Physiotherapie-Einheiten erhalten und mich dementsprechend gut wieder mobilisiert und mein Körpergefühl und meine Wahrnehmung nach der OP gut wieder aufgebaut.


Auch wenn all das Welten entfernt war von meinem Normalzustand vor der OP bzw. Dem Vorfall. Verglichen mit den anderen Patienten ging es mir gut.

Und dessen wurde ich mir bewusst, jammerte nicht herum und sah diese Wochen als Chance, mich nur auf mich und meine Gesundheit zu fokussieren. 


Für den ein oder anderen, auch Therapeuten, mag das anstrengend gewesen sein - kaum hatte ich zwei Gleichgesinnte getroffen, Jung & Junggeblieben, Rückenpatientin,  die Zeit in der Reha effektiv nutzen und sich auf sich selber fokussieren - versuchte ich möglichst viel mitzunehmen: ich fragte nach so vielen Behandlungen wie möglich, lies mich in alle nur möglichen und sinnvollen Therapien eintragen, verglich Stundenpläne, schlich mich in Kurse, wenn ich stattdessen Pause gehabt hätte.


Als ich herausfand, dass man die Trainingsräume auch abends bis 22 Uhr nutzen konnte, wechselte die Abendplanung von Spazierengehen zu Zirkeltraining, von entspannt Tee trinken zu Pilates oder Schwimmen. Leider entdeckte ich das aber erst in der 2. Woche.

Und leider traf ich erst in der 2. Woche auf wunderbare Sporttherapeuten, die mich forderten, sich über mich informierten und auf mein individuelles Leistungsniveau eingingen - was fairer Weise in Kursen zuvor nur schwer möglich gewesen war. 


Während andere also ihr Feierabendbierchen im Reha-Café tranken, ihre geliebte Vorabendserie im Fernsehen sahen oder bereits schlummerten, überredete ich meine neugewonnenen Freunde, doch nochmal eine Runde zu schwimmen, ein paar Kräftübungen zu machen, an unserer Koordination und Kondition zu arbeiten - dafür waren wir schließlich hier. 


So kam es, dass ich in diesen drei Wochen zwei Freundinnen fürs Leben gewonnen habe, die mir mit ihren Lebensgeschichten immer wieder deutlich machen, wie wertvoll das Leben ist, und dass wir eben nur dieses eine Leben haben, dass wir genießen sollten, anpacken und gestalten, Verantwortung für uns und andere übernehmen müssen und bei all den Herausforderungen die uns begegnen, das Mensch sein nicht vergessen sollten.


Wir drei galten schnell als "die drei Damen", fielen auf durch unseren Rededrang, durch unser Kichern, unseren Elan. Während die einen unseren Schwung begrüßten und man beim Essen über Ideen wie Reha Speed Dating, OP-Bingo oder Reha-Patenschaften fachsimpelte, fühlten sich andere gestört und irritiert - "normalerweise spricht man nicht beim Abendessen" oder "Sie sind hier in der Reha, nicht im Urlaub oder zum Spaß haben". 


Rücksichtsvoll aber bestimmt zog ich mein Programm durch, sah bei Reha und Spaß keinen Widerspruch, ließ mich nicht beirren, forderte und hinterfragte alles.


Ich habe leider keine Fotos oder Videos zum Vergleich, aber diese drei Wochen haben einiges bewirkt bei mir. Und nicht nur physisch. 


Vielleicht muss man sich manchmal aus dem Alltag und der gewohnten Umgebung ausklinken, muss die geliebten Kontakte pausieren, muss gewohnte Pfade verlassen und sich auf Neues, Ungewohntes, Unbekanntes einlassen.


Die eigene Komfortzone zu verlassen, sich mit anderen Schicksalen und Lebenssituationen auseinander zu setzen, die Perspektive zu wechseln - all das kann soviel relativieren!


Ich habe in der Reha das Vertrauen in meinen Körper zurück gewonnen; habe begriffen, dass ich als Rückenpatient immer diese Baustelle haben werde und dementsprechend sorgsam mit meinem Körper umgehen sollte; habe Freundschaften geschlossen.

Mit ist bewusst geworden, dass Nein zu sagen und Grenzen zu setzen keine Schwäche ist; dass niemand stirbt, sollte ich mal zu spät kommen oder absagen - ich bin keine Herzchirurgin, von meinem Handeln hängen keine Menschenleben ab; 

Ich habe gelernt, dass ich ersetzbar bin; andere können meine Arbeit und meine Position und Rolle einnehmen - Gott sei dank! Das schafft Freiheit und neue Perspektiven!


Ich habe mich heute, ein Jahr nach der Reha, nochmal am selben Ort mit den beiden Damen getroffen - "die Damen von der Reha".


Zu sehen, was wir alle innerhalb dieses Jahres erlebt haben, was wir durchmachen durften und mussten ist erstaunlich. Wir alle wachsen mit unseren Herausforderungen.


Ich für meinen Teil habe mir neue Wege und Herausforderungen gesucht. 


Innerhalb eines Jahres habe ich gekündigt, mich beruflich neu aufgestellt, sehr viele Weiterbildungen und Lizenzen absolviert, mich selbstständig gemacht, Business Pläne geschrieben, Trainingspläne konzipiert...


Mittlerweile trainiere ich Kunden, gebe meine Erfahrungen weiter und versuche besonders auch jüngere Menschen mit Rückenproblemen abzuholen und ihnen Perspektiven aufzuzeigen. 


Vor 365 Tagen hätte weder ich noch irgendjemand anderes es für möglich gehalten, dass ich mal im Zug zurück nach Berlin sitze und einen Blog Eintrag schreibe, neben mir ein Notizbuch für Trainingsideen und eine Zeitschrift über Funktionelles Training, den Kalender kritisch nach freien Terminen für das nächste Personal Training durchsuchend.


Man darf gespannt sein, was die nächsten 365 Tage bringen werden!


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Kommentare: 2
  • #1

    Ninor (Freitag, 14 Juli 2017 14:31)

    Toll geschrieben, vielen Dank für das Teilen deiner wertvollen Einsichten!!! Deine letzten 365d sind tatsächlich nur schwer nachzuempfinden.

  • #2

    Franziska (Donnerstag, 30 August 2018 14:36)

    liebe luise, dein text beeindruckt mich sehr. es ist deutlich zu spüren, wie du mit deinem "rückenproblem" gewachsen bist. unglaublich. ich achte deine entscheidungen und voller respekt kann ich sagen, du bist ein wunderbares beispiel für willenskraft, ausdauer, mut und humor. (und sicher noch so einiges mehr). ich wünsche dir viel freude im neuen lebensumfeld!